In der mittelalterlichen Weltwahrnehmung ist das irdische Paradies ein geographischer Ort am äu­ßers­ten Ostrand der Welt. Reiseberichten zufolge ist dieser Ostpol zu Fuß oder zu Pferde erreichbar. Doch das Paradies bleibt verschlossen…

Schaut man mithilfe einer christlichen T-O-Landkarte aus dem Mittelalter auf die Welt, ist das Paradies nicht etwa rechts, sondern ganz oben, unmittelbar neben Jesus zu finden. Auf der Ebstorfer Weltkarte etwa entdecken wir das Paradies direkt neben dem Kopf Christi. Die lateinische Legende fügt ihm noch genaue Ortsangaben sowie heilsgeschichtlichen Bezüge hinzu: „Das Paradies und das Holz des Lebens und die vier aus dem Paradies entspringenden Flüsse; wo die Schlange unsere Ureltern betrog, indem sie sie anstiftete, vom verbotenen Baume zu essen“ (Übersetzung EbsKart-Projekt).

„Paradisus et lignum vite et quatuor flumina fluentes de Paradiso, ubi primos parentes decipit serpens suadens de ligno vetito manducare“

Ebstorfer Weltkarte, ca. 1300, wahrscheinlich im Ebstorfer Kloster (Lüneburger Heide) hergestellt. Links: Ausschnitt mit Paradies und Kopf Christi. Mithilfe des EbsKart-Projekts lässt sich die Karte interaktiv erkunden.

Die geographische Eingrenzung anhand von vier Flüssen stellt keineswegs ein gelehrt-lateinisches Insiderwissen dar. Im Mittelalter kursieren volkssprachige Bestseller, die das Paradies detailreich und gut nachvollziehbar verorten. Der Lucidarius etwa, ein bis in Druckzeitalter zig tausendfach kopiertes Werk mit populärwissenschaftlichem Inhalt, gibt auf die Frage ‚wo wart Adam geschaffen?‘ in einem ganzen Kapitel beredt Auskunft Von dem paradise (Lucidarius 6,3-7,28). Wenig später beschreibt Rudolf von Ems (um 1250) in seiner weit verbreiteten Weltchronik diesen Ort ähnlich einprägsam:

Das irdensche paradiz,
das nah dem wunsche alle wis
lit, das ist das hohste lant
das in dem lande ist lant genant;
das můz, als úns dú warheit seit,
umbuhaft al der menscheit
von grozer unkúnde sin,
wand ez ein mure fúrin,
dú hohe durh die lúfte gat,
besIozin und umbevangin hat.
da uz Tygris und Physon,
Eufrates und Geon,
dú vier wazzir, vliezent 

Das in jeder Hinsicht vollkommene irdische Paradies steht über allen irdischen Ländern. Es ist, wie uns wahrheitsgemäß berichtet wird, für die Menschen nicht zugänglich und ihnen unbekannt. Denn es ist von einer himmelhohen Mauer aus Feuer umgeben und eingeschlossen. Aus ihm entspringen die vier Flüsse Eufrat und Tigris, Pischon und Gihon.

Rudolf von Ems.
Weltchronik, V. 1890-1402

Das unerreichbare Paradies

Das göttliche, herrliche, ideale, schöne irdensche paradiz hat für die Menschen jedoch seine Tücken, denn es ist, wie man es auf dem Bild der Ebstorfer Weltkarte sehen und bei Rudolf nachlesen kann, von einer unüberwindbaren Mauer umgeben. Nicht einmal Alexander dem Großen, dem größten Herrscher aller Zeiten, gelang es, diese Mauer zu durchdringen und den Ort für sein weltumspannendes Reich einzunehmen: Die Schutzengel des Paradieses, so berichten mehrere lateinische wie volkssprachige Alexander-Viten aus dem Mittelalter, gingen auf seine wohlmeinende Offerte, ihm und seinem gewaltigen Heer das Reich widerstandslos zu übergeben, gar nicht erst ein. Sie berieten nicht einmal über sein Ansinnen. Denn die Mauern seien für ihn und jeden anderen Menschen unüberwindbar. Dem war so, dem ist so und dem wird immer so sein, so die Berichte.

Die Mauer ums Paradies. Aus der Weltchronik des Rudolf von Ems. (Bild: J. Paul Getty Museum, Los Angeles)

Das Paradies blieb also nicht nur unerobert, sondern überhaupt von jeder menschlichen Einsichtnahme frei. Rudolf erläutert denn auch konsequent, dass die Menschen eben wegen jener bis in den Himmel ragenden Mauer leider nichts Genaues von diesem Paradies wüssten. Dennoch ist es in unzähligen mittelalterlichen Texten als vielbeschriebener Sehnsuchtsort sowie auf Karten und Miniaturen als bisweilen bis ins Detail ‚erträumter‘ Raum präsent.

Die anderen Paradiese

Da sich das Paradies jedem menschlichen Blick entzieht, begannen mittelalterliche Autoren sich mit Beschreibungen, Erläuterungen und Skizzen zu behelfen. Auch wurde das Paradies zu einer Art Darstellungsfolie für Paradiesideen, die man so heranzitieren kann, die dann aber in der Darstellung auch genau das Gegentel sein können. Wenn ein Autor zum Beispiel vom ‚anderen Paradies‘ spricht, sollte man hellhörig werden – irgendetwas scheint da nicht zu stimmen.

Eine solche Erzählung von einem ander paradîse liefert Hartmann von Aue in seinem Artusepos um den Tafelrunder Erec. Nach vielen Irrungen und Wirrungen gelangt Erec an einen mysteriösen Ort, zum anderen Paradies. Augenblicklich werden die Dimensionen des Ortes transparent, denn er ist von einer (nahezu) undurchdringlichen Mauer umgeben und sie ist, analog zu der des echten Paradies, nicht von dieser Welt:

Ich sage iu daz dar umbe
weder mûre noch grabe engie
noch in dehein zûn umbevie,
weder wazzer noch lac
noch iht daz man begrîfen mac.
dâ gienz alumbe ein eben ban
und enkunde doch dehein man
dar in gân noch gerîten

Ich erzähle euch, daß darum weder Mauer noch Graben ging noch ihn ein Zaun umschloß, weder Wasser noch Hecke noch irgend etwas Greifbares. Es ging ein ebener Weg darum, und doch konnte niemand hineingehen oder reiten.

Hartmann von Aue.
Erec, V. 8703-8711

In seiner Schilderung gibt der Ort noch mehr Paradiesqualitäten preis. Jedenfalls erfährt das Publikum das, was ein Mensch ohne zu sehen, von diesem Ort vorstellen kann: Es ist ein herrlich-friedlicher boumgarten, geprägt durch den Duft der bluomen und durch vogelsanc, durch wunderbare Früchte, Blüten und Düfte. Dominiert wird das christliche Arkadien durch ein pavelûne, ein Zelt. Es ist aus verschiedenen Samten gemacht und mit Menschen, Vögeln, Tieren golden bemalt, die sich im sanften Wind des Ortes wie echt bewegen.

Hartmann von Aue (Autorenporträt im Codex Manesse um 1300)

Alles scheint in absoluter Harmonie – dazu die Herrin des Ortes, eine Frau von so ausgesuchter Schönheit, dass nur Erecs Ehefrau Enite, die schönste auf Erden, mit ihr konkurrieren könnte. Es folgt eine ausladende Beschreibung der Kleidung und des Lagers dieser edlen Dame – mit jedem Detail wird alles noch ein wenig paradiesischer, idealer.

Die Dame begrüßt sodann den eintretenden Ritter Erec. Und dieser handelt, wie es die höfische Etikette gebietet. So könnte es sein im Paradies – Mensch und Natur im Einklang, alles sanft, duftend, klingend, friedlich. Zur Perfektion fehlt allenfalls noch der Herr dieses boumgarten. Wäre es dann nicht wie bei Adam und Eva damals?!

Die paradiesische Idealität des Ortes ist wie weggeblasen –
es wartet der Tod.

Jäh unterbrochen wird die paradiesische Szenerie durch eben jenen, mit grimmiger Stimme hereinbrechenden boumgarten herren, den roten Ritter Mabonagrin. Aus ist es mit der Harmonie, selbst das Gastrecht gilt nichts mehr, Friede schon gar nicht. Nach einem heftigen Wortgefecht reißt er den Gast aus der paradiesischen Ruhe und fordert ihn zum Kampf auf Leben und Tod. Die paradiesische Idealität des Ortes ist wie weggeblasen – es wartet der Tod.

Tödliche Paradiese

Schauen wir uns diesen Ort genauer an: Hartmann von Aue scheint ebenso wie sein Publikum sehr genau um die Attribute des echten irdischen Paradieses gewusst zu haben. Es reichen feine Anspielungen: auf die Hermetik des Ortes, die Schönheit, Tiere, Blumen, Obst, Harmonie und Friedlichkeit – und das ganze Tableau von Paradiesvorstellungen um 1200 steht bereit. Der Kontrast zum echten paradîse fällt dann umso drastischer aus, denn der Weg in das ander paradîse ist durch den Tod gesäumt.

In einem weiten Kreis sind 80 Eichenpfähle aufgestellt, auf jedem der Kopf eines erschlagenen Ritters, nur ein Pfahl ist noch leer: für Erec, auf den offensichtlich auch der Tod im Paradies wartet. Und die Defekte des anderen Paradieses sind noch vielfältiger: Es fehlen die Menschen, selbst die Tiere auf dem prachtvollen Zelt sind nur Imagination.

Es fehlt das Gespräch. Es fehlt die Freude. Es fehlt der Einklang mit Gott. Im Gegenteil. Der schöne Ort ist ein Hort des Egoismus, geprägt durch die Gottesferne der schönen Herrin des Ortes, die für ihr eigenes Glück ein Blankoversprechen ihres Mannes Mabonagrin missbraucht hat – mit dem Ergebnis, dass er alle Eindringlinge zu erschlagen hat. Ihr zerstörerischer Wunsch, das Paradies mit allen Mitteln zu schützen, ist der schönen Frau wohl bewusst, beschreibt sie ihr Ansinnen gleich selbst als vermessen:

ouch will ich mich vermezzen,
wir haben hie besezzen
daz ander paradîse

Ich will so vermessen sein, zu behaupten, daß wir hier im Paradies selbst sitzen.

Hartmann von Aue.
Erec, V. 9540-9543

Es ist also schwierig mit den irdischen und anderen Paradiesen im Mittelalter. In das eine gelangt man als Mensch niemals hinein – die anderen sind verdächtig, gefährlich oder gar tödlich, wenn nicht teuflisch.

Literatur

Ebstorfer Weltkarte. 2007. Die Ebstorfer Weltkarte. Kommentierte Neuausgabe in zwei Bänden. Herausgegeben von Hartmut Kugler unter Mitarbeit von Sonja Glauch und Antje Willing. Digitale Bildbearbeitung: Thomas Zapf, Bd. I: Atlas; Bd. II: Untersuchungen und Kommentar. Berlin: Akademie Verlag. Online.

Hartmann von Aue. 1972. Erec. Mittelhochdeutscher Text und Übertragung von Thomas Cramer. Frankfurt am Main: Fischer (Text der Ausgabe von Leitzmann, 1. Aufl., Halle 1939). Online.

Lucidarius. 1970. Aus der Berliner Handschrift. Herausgegeben von Felix Heidlauf. Berlin 1915 (Deutsche Texte des Mittelalters Bd. 28), Nachdruck Dublin/Zürich: Weidmann.

Rudolfs von Ems. 1967. Weltchronik. Aus der Wernigeroder Handschrift. Herausgegeben von Gustav Ehrismann. Berlin 1915 (Deutsche Texte des Mittelalters Bd. 20), Nachdruck: Dublin/Zürich: Weidmann. Online.

Bildnachweis

Das Titelbild wurde uns freundlicherweise von Lumas zur Verfügung gestellt.

Bildtitel: I’ll be your summer 02
Jahr: 2016/17
Künstlerin: Isabelle Menin
Erhältlich bei: www.lumas.com

Jürgen Wolf

Jürgen Wolf

Jürgen Wolf ist Professor für Deutsche Philologie des Mittelalters an der Universität Marburg. Er ist Herausgeber der Zeitschrift für Deutsches Altertum. Einem breiten Publikum bekannt ist er durch sein Buch Auf der Suche nach König Artus: Mythos und Wahrheit (2009).

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