Die Zeitschriftenregale am Kiosk, das Vorabendprogramm im Fernsehen oder ganze Festivals – sie alle zeugen von einem Kult ums Essen, der in den Wohlstandsnationen Fuß gefasst hat. Dabei geht es nicht allein um Genuss. Lokale, unter fairen Bedingungen produzierte Lebensmittel sind zur Gewissensfrage geworden. Der Besuch im gut sortierten Supermarkt folgt einer (grünen) Politik mit dem Einkaufswagen. Neue Gebote und Verbote, die etwa den Fleischverzehr regulieren, erinnern an ihre längst vergessene Provenienz: die der Religion.

Der Kult ums Essen

Warum beschäftigen sich in den Industrienationen so viele Menschen mit ihrem Essen – und dies, obwohl ihre Ernährung im Gegensatz zu einem immer noch hungernden Teil der Erdbevölkerung mehr als sichergestellt ist?

Die fünfte Ausgabe der Avenue mit dem Titel roh & gekocht will mithilfe der Geistes- und Sozialwissenschaften den gegenwärtigen Kult ums Essen verstehen. Nicht nur das. Sie will Speiseritualen in anderen Kulturen, den historischen Veränderungen unserer Tischsitten sowie der Migration von Nahrungsmitteln nachspüren. Die Ausgangslage hierfür ist optimal, da die Zubereitung und der Verzehr von Speisen seit 100 Jahren Forschungsgegenstand der Soziologie und Ethnologie sind.

Wir freuen uns über Exposés von bis zu 500 Wörtern, die spätestens am 20. Oktober 2017 bei uns eintreffen: corinna.virchow@avenue.jetzt und mario.kaiser@avenue.jetzt. Am 23. Oktober entscheiden wir, welche Skizze zu einem Beitrag für die Avenue auszuarbeiten ist.

Mitte November erscheint die fünfte Avenue im Netz, Ende Januar im Druck.

Appetizer I: Vom Fressen zum Essen

1910 veröffentlicht Georg Simmel, einer der Gründungsväter der deutschsprachigen Soziologie, den Aufsatz Soziologie der Mahlzeit, der «die ungeheure sozialisierende Kraft» des gemeinsamen Essens und Trinkens beschwört: Am Tisch verwandelt sich selbst der Todfeind in einen Gastfreund, der vom gleichen Blut trinkt und vom gleichen Fleisch isst. Die gemeinsame Mahlzeit markiert den Beginn von Vergemeinschaftung überhaupt: Zum einen pazifiziert sie das egoistische und primitive Fressen, zum anderen synchronisiert sie unterschiedliche Menschen in einer gemeinsamen Tätigkeit.

In seinem zweibändigen Werk Der Prozess der Zivilisation (1939) vertieft Norbert Elias dreißig Jahre später Simmels Skizze. Historischer Ausgangspunkt ist für Elias die Staatenbildung am Ende des Mittelalters. Das neue Gewaltmonopol führt rasch zu einer Entwaffnung des Kriegsadels, der sich fortan in einer höfischen Gesellschaft zu zivilisieren hat. Jede Form der körperlichen Auseinandersetzung gilt nun als Affront gegen den Staatskörper.

Dieser Zivilisationsprozess macht sich zuerst an der gemeinsamen Mahlzeit bemerkbar: Da nichts mehr an Körperlichkeit erinnern darf, unterbinden Tischsitten alsbald das Furzen und Schnäuzen zu Tisch. Auch der Gebrauch von Messer und Gabel gehorcht schon bald einer fein ziselierten Etikette, um diesen Instrumenten jeden Anschein von körperlicher Bedrohung zu nehmen. Und da selbst der ‹gesunde Appetit› noch an ein körperliches Bedürfnis gemahnt, ist er mithilfe von mehreren Gängen und aufwendigen Formen zu zügeln.

Die Gemeinschaft vorbereiten (Bild: andsimpleco, unsplash)

Doch nicht nur wie, sondern auch was wir essen, verdankt sich der sozialisierenden Kraft gemeinsamer Mahlzeiten. Am verspeisten Material lässt sich, darauf hat Pierre Bourdieu in seinem Werk Die feinen Unterschiede (1979) hingewiesen, nicht so sehr das Nahrungsmittelangebot, sondern vielmehr der gesellschaftliche Rang ablesen. Großflächige Erhebungen zu Karriereverläufen, Essensgewohnheiten und sozialer Herkunft zeichnen im Frankreich der 1960er ein deutliches Bild: Die unteren Schichten verspeisen Funktion, die oberen Form. In Arbeiterfamilien kommen große Schüsseln mit Fleisch und Teigwaren auf den Tisch, in gebildeten Kreisen mehrere Gänge mit überschaubaren Portionen.

Simmel, Elias und Bourdieu erinnern daran, dass Mahlzeiten eben nicht nur der funktionellen Nahrungsaufnahme dienen. Was und wie wir speisen, ist abhängig von gesellschaftlichen Faktoren wie Ausbildung, geographischer Herkunft oder Schichtenzugehörigkeit. Doch wie sich diese Abhängigkeiten zwischen Nahrung und Gesellschaft heute artikulieren, ist alles andere als klar. Hier besteht Forschungs- und Aufklärungsbedarf.

Appetizer II: Von Natur zu Kultur

Spätestens seit den Arbeiten von Claude Lévi Strauss zum Denken angeblich primitiver Kulturen genießt das Kochen eine herausragende Bedeutung in der ethnologischen Forschung. Für Lévi-Strauss ist Kochen die Kulturtechnik schlechthin, mit der eine Gemeinschaft eine Grenze zwischen Natur und Kultur zieht. Nicht allein die gemeinsame Mahlzeit, sondern vielmehr die Verwandlung von rohen bzw. unveränderten in gekochte bzw. veränderte Nahrungsmittel wirke kulturstiftend.

Mehr noch: Die Zubereitungsart entscheidet nach Lévi-Strauss darüber, wie eine Gemeinschaft sich gegenüber seinesgleichen (Kultur) oder Fremden (Natur) abgrenzt. In den untersuchten Mythen steht das Braten der „Natur“ deutlich näher, weshalb diese Nahrungsmitteltransformation für die Bewirtung von Gästen zum Einsatz kommt. Das Kochen mit Wasser und Behälter hingegen ist für die Verköstigung der eigenen Gemeinschaft vorgesehen. Diese Differenzierung zieht sich bis in den Kannibalismus hinein: Der endogene Kannibalismus kocht Verwandte, der exogene brät Feinde.

Grillen für Freunde, Kochen für Verwandte? (Bild: Stephanie McCabe, unsplash)

Selbst wenn das strukturalistische Denken von Claude Lévi-Strauss angesichts der gegenwärtigen Vermehrung von Küchengeräten, Zubereitungsweisen und Nahrungsmitteln notwendigerweise an seine Grenzen stößt, bleibt doch eine wesentliche Einsicht erhalten: Kochen ist nicht nur eine grundlegende Kulturtechnik, sondern zugleich eine Sprache, mit der wir Nähe und Distanz, Zuneigung und höfliche Ehrerbietung, Familiarität oder Gastlichkeit zum Ausdruck bringen.

Genauso wie bei der gemeinsamen Mahlzeit sind auch beim Kochen kulturelle und gesellschaftliche Abhängigkeiten heute nicht mehr so leicht zu identifizieren. Auch hier besteht Forschungs- und Aufklärungsbedarf.

Wir suchen Beiträge

Die Avenue ist die einzige populärwissenschaftliche Plattform für Geistes- und Sozialwissenschaften im deutschsprachigen Raum. Sie erscheint zunächst als offene Diskussionsplattform online, im Avenue Salon. Nach der Diskussion im Netz gelangen die Inhalte samt ausgewählten Kommentaren in den Druck.

Für die fünfte Ausgabe der Avenue zum Thema roh & gekocht suchen wir verständliche, kurze und präzise Beiträge aus den verschiedenen Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften. Zu den gesuchten Formaten gehören wissenschaftliche Artikel, Reportagen, Positionen genauso wie Interviews. Zur Inspiration mögen die Beiträge der ersten vier Ausgaben dienen.

Wir freuen uns über Exposés von bis zu 500 Wörtern, die spätestens am 20. Oktober 2017 bei uns eintreffen: corinna.virchow@avenue.jetzt und mario.kaiser@avenue.jetzt. Am 23. Oktober entscheiden wir, welche Skizze zu einem Beitrag für die Avenue auszuarbeiten ist.

Mitte November erscheint die fünfte Avenue im Netz, Ende Januar im Druck.

Fair content

Mit der Avenue setzen wir uns für fair content ein. Damit wollen wir wissenschaftliches und wissenschaftsjournalistisches Schreiben nicht nur angemessen honorieren, sondern auch ein Zeichen setzen: Geistes- und sozialwissenschaftliches Denken und Wissen sind wertvoll! Da für die Avenue noch keine langfristige Finanzierung gefunden ist, bitten wir die Autorinnen und Autoren, vorerst mit einer Entschädigung von 250 € pro Beitrag zu rechnen.

Wir danken herzlich für die Kenntnisnahme und Verbreitung dieses Call for Exposés und freuen uns jetzt schon über zahlreiche Einsichten und Reflexionen zum Thema roh & gekocht.

Corinna Virchow                                              Mario Kaiser

Literatur

Bourdieu, Pierre. 1982 [1979]. Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main.

Elias, Norbert. 1976 [1939]. Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Frankfurt am Main.

Lévi-Strauss, Claude. 1971 [1964]. Mythologica I. Das Rohe und das Gekochte. Frankfurt am Main.

Simmel, Georg. 1957 [1910]. „Soziologie der Mahlzeit.“ In: Simmel, Georg (Hg.): Brücke und Tür. Essays des Philosophen zur Geschichte, Religion, Kunst und Gesellschaft. Stuttgart: S. 243-250.

Bildnachweis

Das Titelbild wurde uns freundlicherweise von Lumas zur Verfügung gestellt.

Bildtitel: Still life with fish
Jahr: 2009/2014
Künstler: Mark Seelen
Erhältlich bei: www.lumas.com