Mehr als 500 Textstellen beschäftigen sich Franz Kafkas Werk mit dem Essen. Sie zeugen von einer biographischen und literarischen Rebellion gegen eine patriarchale Speise- und Tischordnung. Franz, das Kind, und Kafka, der Schriftsteller, begegnen der perfiden Essensmacht mit körperlichen, kulinarischen und literarischen Aufständen. Sie alle verdanken sich der Sehnsucht nach einer paradiesischen Nahrung frei von Bedeutung und frei von Macht.

Macht und Schande

Kafkas eigentümliche alimentäre Fixierung hat mit seiner Essenserziehung zu tun. In seinem berühmten Brief an den Vater (1919) berichtet der 36-jährige Kafka vom väterlichen Tischunterricht. Der kleine Franz musste aufessen, durfte nicht über die Güte des Essens urteilen, sollte zuerst essen, dann sprechen. „‚Schneller, schneller, schneller‘ hieß es da oder ‚siehst Du, ich habe schon längst aufgegessen‘.“ Knochen durfte man nicht zerbeißen; Essig nicht schlürfen. „Die Hauptsache war, daß man das Brot gerade schnitt.“ Und natürlich durfte man sich bei Tisch nur mit Essen beschäftigen (1993: 155f.).

Perfid nur, dass sich der Vater über die von ihm aufgestellten Gebote ständig hinwegsetzte: Er sprach über die Güte des Essens, nannte es „das Fressen“, aß „alles schnell, heiß und in großen Bissen“, zerbiss Knochen, schlürfte Essig und beschäftigte sich bei Tisch mit weit mehr als bloß dem Essen. Die Mutter bot keinen Schutz. Kafka spricht ihr vielmehr „die Rolle eines Treibers in der Jagd“ (ebd.: 167) zu.

Ergebnis des mütterlichen Nahrungsangebots wie des väterlichen Essens- und Tischunterrichts war das Gefühl einer immerwährenden Schande. So heißt es in dem Brief an den Vater: „Ich war immerfort in Schande, entweder befolgte ich Deine Befehle, das war Schande, denn sie galten ja nur für mich; oder ich war trotzig, das war auch Schande“ (ebd.: 156). Essen bedeutete für Franz, sich der väterlichen, widersprüchlichen und absurden Macht zu unterwerfen. Jeder Bissen, den er zu sich nimmt, bestätigt des Vaters Macht, des Kindes Schande.

Die Verwandlung, nach der Erzählung von Franz Kafka. In einer Fassung von David Farr und Gisli Örn Garðarsson, Szenenbilder der Inszenierung am Residenztheater München 2012.

Die Rebellion

In Leben und Werk gleichermaßen hat Kafka verschiedene Strategien und Taktiken gegen diese patriarchalische Nahrungsordnung entwickelt und erprobt. Ein Knigge des Aufstandes mit sechs Regeln und einem Traum.

I. Schweigen

Das erste Stadium der Rebellion besteht in Franz‘ Schweigen am Familientisch. Ihm lässt er die Verweigerung einzelner Mahlzeiten folgen – eine Opposition, die natürlich seine Mutter beunruhigt. Wegen seines „Nichtjausens“ zankt sie ihn energisch aus (1999: 225).

II. Wider das Fleisch

In einer zweiten Phase erschafft Franz eine Speisewelt, die sich ganz dem Aufstand gegen den Fleischverzehr verdankt. Symbolisch lehnt sie sich gegen die Herkunft des Vaters auf, dessen Großvater „Fleischhauer“ in einem südböhmischen Dorf war. Wenn die Macht des Vaters auf einer karnivoren Genealogie beruht, lässt sie sich nur mithilfe eines Verzichts auf Fleisch unterbrechen. Bezeichnenderweise hält der Vater bei den nun fleischlosen Abendessen seines Sohnes monatelang „die Zeitung vors Gesicht“ (ebd.: 217).

Es wäre missverständlich, Kafka als Vegetarier zu bezeichnen. Zwar bevorzugte Kafka spätestens seit seinem frühen Erwachsenenalter eine fleischlose Ernährungsweise. Dem Vegetarismus aber, dieser am Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Lebensreformbewegung, stand er fern. In einem Brief an seine Freundin und spätere Verlobte Felice Bauer schrieb er 1912:

„Die wirklichen Vegetarianer liebe ich eigentlich gar nicht so sehr, denn ich bin ja auch fast Vegetarianer und sehe darin nichts besonders liebenswertes, nur etwas Selbstverständliches, aber diejenigen welche in ihrem Gefühl gute Vegetarianer, aber aus Gesundheit, Gleichgültigkeit und Unterschätzung des Essens überhaupt, Fleisch und was es gerade gibt wie nebenbei mit der linken Hand aufessen, die sind es, die ich liebe“ (1999: 259).

Diese Briefstelle benennt erstmals die für Kafkas Werk zentrale Vorstellung eines bedeutungsfreien Essens. Wenn auch vegetarisches Essen alles andere als sinnfrei ist – schließlich geht es um Ökologie und Gesundheit –, stand es für Kafka der väterlichen Speisewelt fern genug und konnte so zu einer Genussquelle werden. Dies dokumentiert die appetitanregende Schilderung eines vegetarischen Essens in einem Berliner Restaurant in einem Brief an den Freund Max Brod:

„Aber nichts ist so gut wie das Essen hier im vegetarischen Restaurant. (…) Statt Semmeln gibt es nur Simonsbrot. Eben bringt man mir Grießspeise mit Himbeersaft, ich beabsichtige aber noch Kopfsalat mit Sahne, dazu wird ein Stachelbeerwein schmecken und ein Erdbeerblätterthé wird alles beenden.“ (1999: 128)

III. Schlucken statt Kauen

Die Mitteilung an Max Brod deutet Kafkas Vorliebe für weiche, fast flüssige Nahrung an, die gegen das feist feste Fleisch rebelliert. Die Verbindung von Macht und Fleisch, die ein Kauen mit Zähnen erfordert, steht in Kontrast zu einer Beziehung von Machtlosigkeit und flüssigen Speisen, die ein zahnloses Schlucken möglich macht.

Die Gegenüberstellung von herrschaftlichem Fleischkauen und ohnmächtigem Schlucken findet sich zudem in Kafkas Erzählung Die Verwandlung (1912). Der in ein Ungeziefer verwandelte Gregor Samsa besitzt nur einen zahnlosen Kiefer, mit dem er gierig an ungenießbarem Käse saugt. Währenddessen verzehren merkwürdige Zimmerherren Fleisch – und zwar so,

„daß man aus allen mannigfachen Geräuschen des Essens immer wieder ihre kauenden Zähne heraushörte, als ob damit Gregor gezeigt werden sollte, daß man Zähne brauche, um zu essen, und daß man auch mit den schönsten zahnlosen Kiefern nichts ausrichten könne“ (1994: 183).

IV. Schreiben statt Essen

Der entscheidende Versuch, sich der familialen Tisch- und Essensmacht zu entziehen, besteht im Schreiben. Kafka ersetzt den Speise- durch den Schreibakt und transponiert Geschriebenes in Nahrung. Das kommt in seinen Briefen immer wieder zum Ausdruck. Hier fühlt er sich von einem Brief „nicht ganz gesättigt“, er „trinkt die Briefe und weiß nichts als daß man nicht aufhören will zu trinken“ oder hungert nach „Geschriebenem“. Oder er begehrt, den Körper in ein einziges Instrument des Schreibens, letztlich in einen „Schreibefinger“ (2013: 137), zu verwandeln. Die Metamorphose eines ernährenden in einen schreibenden Körper erfordert eine ‚Magerkeit nach allen Richtungen‘. Kafka notiert er in seinem Tagebuch:

„In mir kann ganz gut eine Koncentration auf das Schreiben hin erkannt werden. Als es in meinem Organismus klar geworden war, daß das Schreiben die ergiebigste Richtung meines Wesens sei, drängte sich alles hin und ließ alle Fähigkeiten leer stehn, die sich auf die Freuden des Geschlechtes, des Essens, des Trinkens, des philosophischen Nachdenkens der Musik zu allererst richteten. Ich magerte nach allen diesen Richtungen ab.“ (1990: 341)

V. Hungern

Literarisch geht Kafka dem Ideal eines Rundumdarbens in seiner Erzählung Der Hungerkünstler (1922) nach: Besagter Artist ist mühelos imstande, unbegrenzt zu fasten. Als sich aber kaum jemand mehr für ihn und seine Hungerkunst interessiert, findet er in einem großen Zirkus Unterschlupf, wo er sich in einem Käfig zu Tode hungert. Am Ende seines Lebens bekennt er, er habe gehungert, weil er „nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle“ (1994: 349). Diese dem Hungerkünstler schmeckende Speise aber wäre, so Kafkas Ideal, eine von aller Bedeutung und allem Zwang gereinigte Speise gewesen.

VI. Allesessen

Die patriarchale Essensordnung unterwandert Kafka gelegentlich mit einer Strategie, die in die entgegengesetzte Richtung des Hungerns weist. In der Linie des Allesessens findet sich auch Kafkas Bewunderung für Dicke, die er einmal „Kapitalisten des Luftraums“ (2014: 149) nennt. Fortgesetzt wird sie auf alimentärer Ebene von einem von jeglicher Einschränkung enthobenen Fressens, wie Kafka 1911 in seinem Tagebuch ausführt:

„Dieses Verlangen, das ich fast immer habe, wenn ich einmal meinen Magen gesund fühle, Vorstellungen von schrecklichen Wagnissen mit Speisen in mir zu häufen. (…) Sehe ich eine Wurst, die ein Zettel als eine alte harte Hauswurst anzeigt, beiße ich in meiner Einbildung mit ganzem Gebiß hinein und schlucke rasch, regelmäßig und rücksichtslos wie eine Maschine. Die Verzweiflung, welche diese Tat selbst in der Vorstellung zur sofortigen Folge hat, steigert meine Eile. Die langen Schwarten von Rippenfleisch stoße ich ungebissen in den Mund und ziehe sie dann von hinten den Magen und die Därme durchreißend wieder heraus“ (1990: 210)

Für jemanden wie Kafka, der sich in Wirklichkeit sorgfältig und gesund ernährt, bedeutet eine solche Fantasie einen vollständigen Übertritt in alimentäre Barbarei. Gesteigert wird diese Fantasie der nahrungsverschlingenden Essmaschine in der Figur des Menschenfressers. Sie tritt in Kafkas nachgelassenen Schriften als Freund des Hungerkünstlers in Erscheinung. Der Menschenfresser hat eine mächtige Masse roter Haare, „es war als zeige dies übermenschliche Haar auch übermenschliche Gelüste an und die Kräfte, sie zu verwirklichen“ (1993: 649).

Mit dem Paar Menschenfresser und Hungerkünstler sind die beiden Extrempunkte in Kafkas Emanzipation aus dem familial reglementierten Essen benannt. Das Alles- und Nichtessen sind die beiden Endpunkte dieser Fluchtlinien, die auf jene unmögliche Speise jenseits des menschlichen Bedeutungsuniversums verweisen. Und letztlich ist es wohl diese Speise, um die Kafkas Wünsche und Texte kreisen.

Das verlorene Paradies einer bedeutungsfreien Nahrung

Allerdings scheitert der Verzehr bedeutungsfreier Nahrung an einem noch weit mächtigeren als dem leiblichen Vater. Kafka datiert die Semantisierung des Essens ins Paradies zurück. Hier befiehlt Gottvater dem Menschen, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen. Kafka kommentiert dieses fundamentale Verbot in seinem Tagebuch so: „Wüten Gottes gegen die Menschenfamilie / (…) das unbegründete Verbot / die Bestrafung aller (Schlange Frau Mann)“ (1990: 789).

Das absurde Verbot reichert die Nahrung mit einer schicksalshaften Bedeutung an. Der Verzehr der verbotenen Nahrung infiziert jede nachfolgende Speise mit der Bedeutung des Sündenfalls. Ein Essen, rein von Bedeutungen und Verboten, kann es nie mehr geben. „[R]ein war also nur die „Luft, (…) die man im Paradies vor dem Sündenfall geatmet hat“ (2013: 295).

Menschenmöglich sind nur Annäherungen an jenen paradiesischen Urzustand. Eine solche war für Kafka das individuelle Aufgehen in einer ostjüdischen Gemeinschaft. Im September 1920 beobachtete er russisch-jüdische Auswanderer nach Amerika, die vorübergehend in einem Saal des Jüdischen Rathauses in Prag untergebracht waren. Daran anschließend schrieb er in einem Brief:

„[W]enn man mir freigestellt hätte, ich könnte sein was ich will, dann hätte ich ein kleiner ostjüdischer Junge sein wollen, im Winkel des Saales, ohne eine Spur von Sorgen (…). Und solche Jungen liefen dort genug herum (…) und lauerten auf das Brot, das ihnen irgendjemand – es ist ein Volk – mit irgendetwas – alles ist eßbar – bestrich“ (2013: 338f.).

Einmal, als namensloser Junge aufgegangen in der Gemeinschaft des ostjüdischen Volkes, das ins gelobte Land Amerika aufbricht, fallen alle Essensregeln und Essensbedeutungen in sich zusammen und „alles ist eßbar“. Kafka selbst wird diesen Zustand niemals erreichen. Für immer ist er von der „Speise seines Lebens“ (ebd.: 155) durch die Macht abgetrennt, die diese wie jede Speise besetzt hält.

Literatur

Kafka, Franz. 1990. Tagebücher, herausgegeben von Hans-Gerd Koch, Michael Müller, Malcolm Pasley. Frankfurt am Main.

Kafka, Franz. 1993. Nachgelassene Schriften und Fragmente II, herausgegeben von Jost Schillemeit. Frankfurt am Main.

Kafka, Franz. 1994. Drucke zu Lebzeiten, herausgegeben von Wolf Kittler, Hans-Gerd Koch, Gerhard Neumann. Frankfurt am Main.

Kafka, Franz. 1999. Briefe 1900-1912, herausgegeben von Hans-Gerd Koch. Frankfurt am Main.

Kafka, Franz. 2005. Briefe April 1914-1917, herausgegeben von Hans-Gerd Koch. Frankfurt am Main.

Kafka, Franz. 2013. Briefe 1918-1920, herausgegeben von Hans-Gerd Koch. Frankfurt am Main.

 

Bildnachweis

Das Titelbild zeigt Romy Schneider und Margeruite Duras in einer Kaffeepause während der Dreharbeiten zu Halb elf in einer Sommernacht, 1966. Romy Schneider verkörperte Leni in Orson Welles‘ Verfilmung von Kafkas Prozess. (Getty Images)